Aquarius

Es war einmal ein klitzekleines Molekül – genauer gesagt eines von vielen Trilliarden Wassermolekülen auf unserem Planeten Erde.  Sein Name war Aquarius. Vor über 4 Milliarden Jahren stürzte Aquarius als blinder Passagier auf einem Asteroiden vom Weltall auf die Erde. Damals war unser Planet noch ein recht ungemütlicher Ort. Die glühende Lava begann gerade zu erstarren und bildete die erste dünne Erdkruste. Es sollte noch mehrere hundert Millionen Jahre dauern, bis sich hier erste Lebewesen tummeln. So bekam Aquarius die Geschichte unseres Planeten fast von Beginn an mit.


Aquarius war sehr lebenslustig. Sobald die Sonne die Erde erwärmte, war er in Bewegung. Dadurch kam er ganz schön in der Welt herum. Es gab kaum einen Winkel, den er nicht erkundet hatte: Die tiefsten Ozeane, die höchsten Berge, tropische Regenwälder, heiße Wüsten, Nord- und Südpol, unterirdische Gewässer, Quellen, Bäche, Flüsse, Seen, tosende Wasserfälle und die wilde Brandung des Meeres. Aquarius war zu Gast in zahlreichen Lebewesen – von einfachen Einzellern bis zu komplexen Organismen bestehend aus Billionen Zellen. Es war schon faszinierend, was die Natur alles erschaffen hatte.


Aquarius war sehr bindungsfreudig. Mit seinem Sauerstoff-Bäuchlein und den beiden Wasserstoff-Ärmchen konnte er sich wie ein kleiner Magnet an allerlei Atome und Moleküle haften. Das gelang besonders gut mit anderen Wassermolekülen. Gemeinsam konnten sie tanzend unzählige Informationen speichern und übertragen. Dann begann die ganze Gruppe zu vibrieren wie die Saiten einer Gitarre. Das war ein tolles Gefühl.


Aquarius hatte lange Zeit ein unbeschwertes Leben, bis sich die Natur zu ändern begann ...


Die Luft war nicht mehr so rein wie früher. An manchen Orten ragten lange Schlote in den Himmel. Aus ihnen quollen dicke dunkle Wolken von stinkendem Ruß. Aquarius und seine Artgenossen nahmen diesen Dreck mit zur Erde, wenn sie als Regentropfen vom Himmel fielen. 


Das Wasser war nicht mehr so rein wie früher. Aquarius kam in Kontakt mit Stoffen, die er vorher noch nie gesehen hatte. Wo diese Stoffe waren, da veränderten sich viele Lebewesen oder sie starben vorzeitig. Dann gab es Orte, an denen das Wasser trüb war und fürchterlich stank. Es wimmelte nur so von Bakterien und Viren. Hier fühlte sich das kleine Molekül gar nicht wohl.


Die Erde war nicht mehr so wie früher. Die dichten Wälder verschwanden nach und nach. Die fruchtbare frische Erde war nun den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert und verwandelte sich in einen harten ausgelaugten Boden. Da, wo sich noch vor kurzem viele verschiedene Pflanzen- und Tierarten tummelten, wuchs oft nur noch eine Pflanzenart. Schlimmer noch: Sonderbare sehr laute Objekte versprühten immer wieder Flüssigkeiten, die Aquarius nicht mochte. Was passierte da nur? Woher kamen diese vielen neuen Stoffe? Wie konnte sich die  Natur so drastisch verändern? Aquarius sollte bald Antwort auf seine Fragen bekommen.


Eines Tages wurde unser kleiner Freund mit vielen Artgenossen in eine Wasserleitung gequetscht. Nach einer Reise durch kilometerlange Rohre sprudelte er endlich wieder ins Freie. Dann ging es gleich in eine dunkle Kammer, in der es bald sehr warm wurde. Die Hitze löste die Verbindung zwischen Aquarius und seinen Freunden. Sie schwebten nach oben und fielen kurz darauf in ein duftendes braunes Pulver. Gleich darauf purzelten sie durch einen Filter. Aquarius wurde mehrmals kräftig hin und her geschüttelt. Eine weiße Flüssigkeit und etwas sehr Süßes kamen noch dazu. Das wurde nun eine ganz schön klebrige Angelegenheit.


Dann öffnete sich ein gewaltiger Mund. Das kannte Aquarius schon von vielen anderen Tieren. Doch diesmal kam ihm ein unangenehmer Geruch entgegen – eine Mischung aus Alkohol und Rauch, wie er ihn von den Schloten kannte. Aquarius schwamm vorbei an gelbbraunen Zähnen, die dicht besiedelt mit Bakterien waren. Diese machten sich gleich über den Zucker her und pinkelten den Zahnschmelz mit ihrer Säure voll. Die daraus resultierenden Schäden waren nicht zu übersehen.


Nun ging es hinab in die Speiseröhre, schließlich in den Magen und dann in den Darm. Wo er auch hinkam, überall war die Schleimhaut entzündet. Im Dickdarm angekommen fühlte sich Aquarius wie in einem verstopften Abflussrohr mit ekligem Gestank. Er dachte sich: ''Nix wie raus hier!'' Doch daraus wurde erst mal nichts.

Aquarius wurde in eine Blutbahn aufgesogen. Damit begann eine lange Reise durch den Körper dieses mysteriösen Wesens. Überall waren die Blutgefäße durch Ablagerungen verengt – teilweise so sehr, dass sich die roten Blutkörperchen nur mit äußerster Mühe hindurch quetschen konnten. Aquarius wusste, dass die Zellen ohne diese  Blutkörperchen keinen Sauerstoff bekämen und ersticken würden. Das wäre fürs Herz besonders gefährlich. 


Nach einer Weile kam Aquarius in die Leber. Dieses Organ kannte er gut. Hier wurden viele Moleküle umgewandelt,  um von Darm und Niere ausgeschieden werden zu können. Vielleicht kam das Wassermolekül über diesen Weg wieder nach draußen. Doch sah es in dieser Leber gar nicht gut aus. Hier lagen allerlei Stoffe herum – Schwermetalle, zahlreiche Moleküle, die Aquarius nicht kannte und Unmengen Fett. Das Organ war offensichtlich überfordert und hatte seine Arbeit teilweise eingestellt.  An einigen Stellen der Leber gab es Zellklumpen, die nichts besseres zu tun hatten, als ihre Umgebung wie ein Vampir auszusaugen. ''Wenn sich diese Parasiten vermehren, dann war's das.'' dachte sich Aquarius und schwamm weiter.


Er erinnerte sich an ein wasserreiches Gewebe zwischen Blutgefäßen und Körperzellen, in dem er sich immer ganz wohl gefühlt hatte. Doch in diesem Körper war auch das sogenannte Bindegewebe eine einzige Müllhalde. Der Abfall der Zellen wurde nur zum Teil abtransportiert und verstopfte inzwischen die meisten Kanälchen.


Aquarius hatte die Nase gestrichen voll von diesem Körper. Er machte sich nun auf den Weg zur Lunge. Hier sollte er wieder ins Freie gelangen. Statt einem rosafarbenen Organ erwartete ihn ein schwarzer Teerklumpen. Wie schon bei der Leber funktionierte nur noch ein Teil des Organs. Ein Wunder, dass dieses Lebewesen noch genug Sauerstoff bekam. Nun begann es mit grausigen Röchelgeräuschen zu husten. Aquarius landete in einem grünen stinkenden Schleimbatzen und war wenig später endlich frei. „Das muss wohl eines der Geschöpfe sein, welche die Welt so sehr verändert haben. Es zerstört sich selbst genauso wie unseren Planeten.“


Wie Recht Aquarius hatte!


Copyright 2015 Janos Hübschmann


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